DIE KUNST DES VERWEISENS

„Die Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten.“
– Walter Benjamin

Das vielschichtige Œuvre des österreichischen Konzeptkünstlers und Fotografen Christian Helbock lässt sich als eine fortlaufende Untersuchung über Repräsentationssysteme verstehen. Im Zentrum seiner praxisnahen Forschung steht die Kunst des Verweisens – ein präzises Spiel mit Zitaten, Kontextverschiebungen und der Übersetzung von Kunst zwischen Atelier, Galerie, Fotografie und Buch. Helbock kreiert visuelle und gedankliche Schleifen, in denen das Zeigen selbst zum eigentlichen Thema wird.

Wenn Christian Helbock einen Ausstellungsraum bespielt, agiert er weniger als einsamer Schöpfer denn als aufmerksamer Archivar und Kartograf. Seine Arbeit versteht sich als eine fortlaufende Recherche und eine feinsinnige Form der Wahrheitsfindung, die sich erst in den vielschichtigen Entfaltungen der Wirklichkeit vollzieht. Seine Praxis lebt von einem dichten Beziehungsnetz, in dem die Grenzen zwischen der eigenen Urheberschaft und den Geisteswelten anderer bewusst verwischen. Indem er sich auf eine gemeinsame Sprache aus Formen, Geschichten und architektonischen Codes stützt – ein Vokabular, das er mit Kolleginnen, Kuratoren und der Kunstgeschichte teilt –, werden seine Projekte zu lebendigen Dialogen. Seine Ausstellungen und Diskussionsreihen stehen nie isoliert für sich; sie bedingen und ergänzen einander als ein fein gewobenes System aus klugen Gedanken, direktem Austausch und räumlicher Umsetzung.

Das diskursive Gewebe: Vom Schwesterfeld zum Komplizentum

Den Ausgangspunkt dieses Netzes bildet das gezielte Hinterfragen des Kunstbetriebs selbst. In seiner Vortrags- und Interviewreihe Produktion und Schwesterfelder (2010/2011) im Künstlerhaus Wien legte Helbock das Fundament für eine Untersuchung darüber, unter welchen Bedingungen Kunst überhaupt entsteht. Er befragte internationale Gäste nach den fließenden Übergängen zwischen Malerei, Fotografie und Kuration und verlängerte diese Gespräche schließlich in ein digitales Videoarchiv, um das flüchtige gesprochene Wort dauerhaft im Netz zu verankern (1).

Dieses dialogische Prinzip verdichtet sich in den Folgejahren zu einer spürbar sozialen Praxis, die das gemeinsame Nachdenken direkt in die Tat umsetzte. Die Interviewserie und das Ausstellungsformat Freunde und Komplizen (2013/2014) weiteten den Blick auf das Beziehungsgeflecht hinter den Kulissen aus (2). Wie radikal dieser Zugriff auf gewohnte Strukturen sein kann, zeigte zeitgleich seine Performance-Lecture und Installation ANEIGNUNG. Zugriff und Inbesitznahme im Kunstraum (2016), die das Entwenden von Kunst aus ihrem Kontext als eine extreme Form der Kommunikation zwischen Betrachter und Werk verhandelte.

Kurz darauf begleitete die Reihe Countdown – Zum Neubeginn einer Institution (2017/2018) den tiefgreifenden Umbau des Wiener Künstlerhauses und nutzte den Moment für eine grundlegende Reflexion über die Zukunft moderner Kulturinstitutionen (3). Aus all diesen gemeinsamen Erfahrungen erwuchs Jahre später das kuratorische Großprojekt Loving Others – Modelle der Zusammenarbeit* (2022/2023). Hier war das „Loving Others“ kein sentimentaler Slogan, sondern ein handfestes Arbeitsprinzip: eine empathische Zuwendung zum Gegenüber, die das solidarische Miteinander von Künstlergruppen verhandelte und untersuchte, um den traditionellen Geniekult der Moderne elegant zu verabschieden.

Die Formwerdung des Flüchtigen

Parallel zur sozialen Vernetzung treibt Helbock die Frage um, wie flüchtige Momente eine feste Form annehmen können. Seine Beschäftigung mit Bewegung, Sprache und Notation in der Reihe In-Formation (2012–2014) machte genau diesen Moment des „In-Form-Bringen“ sichtbar (4).

Diese Lust am Umdeuten und Neuordnen prägt auch seine konkreten Raumuntersuchungen. So bildete die Ausstellung egami (2020) im Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis in Bregenz eine wesentliche Keimzelle seines Schaffens: Sie funktionierte als eine kluge Vorstudie über Kunsträume und die Mechanismen des Ausstellens. Direkt daran knüpfte das Projekt Zur Architektur des Buches. Vom Innen und vom Rand (2020) im Wiener Kunstraum SUPER an, das gedruckte Seiten selbst als eigenständige architektonische Körper begriff. Später weitete Helbock dieses Prinzip in der Celler Ausstellung Otto Haesler und Kurt Schwitters betreten das Atelier von Anna Oppermann (2022) zu einer historische Spurensuche aus, die die Utopien der Moderne im Spiegel geschichtsträchtiger Künstlerateliers befragte.

Vom flüchtigen Moment zur geschlossenen Struktur

Die visuelle Zuspitzung dieser institutionellen Recherchen manifestiert sich in der Kunst-am-Bau-Arbeit Raumcollage für 4 definierte Wandflächen. Im Gegensatz zu offenen, begehbaren Installationen bleibt diese Arbeit konsequent in der Fläche. Helbock nutzt die Architektur hier nicht als Bühne, sondern arbeitet mit Brüchen, Analogien und Irritationen innerhalb einer hochgradig normierten, streng geordneten Umgebung: der Institution Psychiatrie. Die collagenartige Anordnung konfrontiert uns mit den Mechanismen von Einschluss und klinischer Systematik, bricht diese strenge Ordnung jedoch visuell auf.

Diese feine Übersetzung von Brüchen und Systemen führt direkt zu seinem medienkritischen Projekt INSTA NT (2024–2027), das im Kern als Buchprojekt angelegt ist. Es widmet sich der Frage, was passiert, wenn Bilder vom flüchtigen, digitalen Raum auf das dauerhafte Papier eines Buches übertragen werden. Gemeinsam mit dem Buchdesigner Nik Thoenen erforscht Helbock, wie sich der endlose digitale Strom in eine feste typografische Ordnung verwandeln lässt. Die dazugehörige Ausstellungsinstallation (2025) ist dabei kein Endpunkt, sondern ein beförderndes Zwischenmedium – ein erweiterter Verhandlungsraum, der die haptischen und räumlichen Qualitäten dieses Medienwechsels vorab physisch erlebbar macht.

Der fotografische Ertrag dieser architektonischen Erkundungen gipfelt schließlich in seiner jüngsten Brasilianischen Reise (2026), die durch das GO-Reisestipendium des Landes Vorarlberg ermöglicht wurde. Helbocks Kamera nimmt hierbei die Escola Paulista und die rohen, brutalistischen Betonstrukturen von São Paulo in den Blick. Es ist eine Weiterführung seiner Formensuche mit den Mitteln der Fotografie: Die Dialektik der konstruierten, harten Architektur wird festgehalten, angeeignet und für kommende Räume präpariert – als ein harmonischer Zusammenfluss von Produktion, Dialog, Raum und jener feinsinnigen Kunst des Verweisens.

_________________________

Fußnoten:

(1) Die Diskurs- und Interviewreihe Produktion und Schwesterfelder (2010/2011) versammelte u. a. Theoretiker und Kuratoren wie Ute Meta Bauer, Yilmaz Dziewior, Fareed Armaly und Roger M. Buergel im Künstlerhaus Wien. Die begleitenden Video-Dokumentationen und Gespräche wurden im zugehörigen digitalen Archiv sowie über YouTube zugänglich gemacht (vgl. auch Biografie Christian Helbock).

(2) Im Rahmen von 600 Mio. – Freunde und Komplizen (2013/2014) führten Christian Helbock und Markus Lobner Interviews mit Weggefährten des Künstlerhauses. Zu den Befragten gehörte u. a. die Architektin Gabu Heindl, der Festwochen-Intendant Markus Hinterhäuser, die Intendantin Frie Leysen, der Künstler Ricardo Basbaum sowie der Filmemacher und Autor Alexander Kluge.

(3) Die reformbegleitende Veranstaltungsreihe Countdown – Zum Neubeginn einer Institution (2017/2018) aktivierte Denker und Kulturschaffende zur Neuausrichtung des Hauses. Als Mitwirkende und Proponenten traten hier unter anderem Nikolaus Schafhausen, Heinrich Dunst, Barbara Steiner, Martin Fritz und Marcelo Rezende auf.

(4) In der Reihe zu performativen Handlungsformen In-Formation (2012–2014) im Künstlerhaus Wien loteten geladene Gäste die Schnittstellen von Sprechakt, Bewegung und Notation aus. Zu den ausgewählten Mitwirkenden gehörten u. a. Friedl Kubelka, Matt Mullican, Michael Riedel, Matthias Ulrich, Lilo Nein, Ricardo Basbaum sowie die Klasse für Performative Kunst der Akademie der bildenden Künste Wien unter der Leitung von Carola Dertnig.

THE ART OF REFERENCE

“History breaks down into images, not into stories.” Walter Benjamin

The multifaceted body of work by Austrian conceptual artist and photographer Christian Helbock can be understood as an ongoing exploration of systems of representation. At the heart of his practice-oriented research lies the art of reference—a precise interplay of quotations, shifts in context, and the translation of art across the studio, gallery, photography, and the book. Helbock creates visual and conceptual loops in which the act of showing itself becomes the central theme.

When Christian Helbock stages an exhibition, he acts less as a solitary creator than as an attentive archivist and cartographer. His work is conceived as an ongoing investigation and a subtle form of truth-seeking that unfolds only within the multifaceted dimensions of reality. His practice thrives on a dense network of relationships in which the boundaries between his own authorship and the intellectual worlds of others are deliberately blurred. By drawing on a shared language of forms, stories, and architectural codes—a vocabulary he shares with colleagues, curators, and art history—his projects become vibrant dialogues. His exhibitions and discussion series never stand alone; they condition and complement one another as a finely woven system of intelligent ideas, direct exchange, and spatial realization.

The Discursive Fabric: From Sister Fields to Complicity

The starting point of this network is the deliberate questioning of the art world itself. In his lecture and interview series *Production and Sister Fields* (2010/2011) at the Künstlerhaus Wien, Helbock laid the foundation for an investigation into the conditions under which art comes into being in the first place. He interviewed international guests about the fluid transitions between painting, photography, and curation, and ultimately extended these conversations into a digital video archive to preserve the fleeting spoken word for posterity. (1)

In the years that followed, this dialogical principle crystallized into a tangible social practice that directly translated collective reflection into action. The interview series and the exhibition format *Friends and Accomplices* (2013/2014) broadened the perspective to include the network of relationships behind the scenes (2). Just how radical this approach to familiar structures can be was demonstrated at the same time by his performance-lecture and installation *ANEIGNUNG. Zugriff und Inbesitznahme im Kunstraum* (2016), which explored the removal of art from its context as an extreme form of communication between viewer and work.

Shortly thereafter, the series *Countdown – Toward a New Beginning for an Institution* (2017/2018) accompanied the profound renovation of the Vienna Künstlerhaus and seized the moment for a fundamental reflection on the future of modern cultural institutions (3). Years later, all these shared experiences gave rise to the major curatorial project *Loving Others – Models of Collaboration* (2022/2023). Here, “Loving Others” was not a sentimental slogan, but a concrete working principle: an empathetic attention to the other that explored and examined the solidarity-based collaboration among artist groups in order to elegantly bid farewell to modernism’s traditional cult of genius.

The Taking Shape of the Fleeting

In parallel with social networking, Helbock is preoccupied with the question of how fleeting moments can take on a fixed form. His exploration of movement, language, and notation in the series *In-Formation* (2012–2014) made precisely this moment of “bringing into form” visible (4).

This delight in reinterpretation and reordering also shapes his concrete spatial investigations. For instance, the exhibition egami (2020)—which was read backward—at the Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis in Bregenz formed an essential nucleus of his creative work: it functioned as a clever preliminary study of art spaces and the mechanisms of exhibition-making. The project *On the Architecture of the Book: From the Interior and the Margin* (2020) at the SUPER art space in Vienna directly followed on from this, conceiving printed pages themselves as independent architectural entities. Later, in the Celle exhibition *Otto Haesler and Kurt Schwitters Enter Anna Oppermann’s Studio* (2022), Helbock expanded this principle into a historical quest that examined the utopias of modernism as reflected in artist studios steeped in history.

From the Fleeting Moment to a Closed Structure

The visual culmination of this institutional research is manifested in the work *Raumcollage für 4 definierte Wandflächen* (Space Collage for 4 Defined Wall Surfaces). In contrast to open, walk-through installations, this work remains strictly two-dimensional. Here, Helbock does not use architecture as a stage, but rather works with disruptions, analogies, and disorientations within a highly standardized, strictly ordered environment: the institution of psychiatry. The collage-like arrangement confronts us with the mechanisms of confinement and clinical systematics, yet visually disrupts this strict order.

This subtle translation of disruptions and systems leads directly to his media-critical core project INSTA NT (2024–2027), which is fundamentally conceived as a book project. It explores the question of what happens when images from the ephemeral, digital space are transferred to the permanent paper of a book. Together with book designer Nik Thoenen, Helbock explores how the endless digital stream can be transformed into a fixed typographic order. The accompanying exhibition installation (2025) is not an endpoint, but rather a facilitating intermediate medium—an expanded space for negotiation that allows visitors to physically experience the tactile and spatial qualities of this shift in media in advance.

The photographic output of these architectural explorations ultimately culminates in his most recent trip to Brazil (2026), which was made possible by the GO Travel Grant from the state of Vorarlberg. Here, Helbock’s camera focuses on the Escola Paulista and the raw, brutalist concrete structures of São Paulo. It is a continuation of his search for form through the medium of photography: the dialectic of constructed, austere architecture is captured, appropriated, and prepared for future spaces—as a harmonious convergence of production, dialogue, space, and the subtle art of allusion.

Footnotes:

(1) The series of discussions and interviews titled *Produktion und Schwesterfelder* (2010/2011) brought together theorists and curators such as Ute Meta Bauer, Yilmaz Dziewior, Fareed Armaly, and Roger M. Buergel at the Künstlerhaus Wien. The accompanying video documentaries and conversations were made available in the associated digital archive as well as on YouTube (see also Christian Helbock’s biography).

(2) As part of “600 Million – Friends and Accomplices” (2013/2014), Christian Helbock and Markus Lobner conducted interviews with associates of the Künstlerhaus. Those interviewed included, among others, architect Gabu Heindl, Festwochen artistic director Markus Hinterhäuser, artistic director Frie Leysen, artist Ricardo Basbaum, and filmmaker and author Alexander Kluge.

(3) The event series *Countdown – Toward a New Beginning for an Institution* (2017/2018), which accompanied the reform, brought together thinkers and cultural figures to help redefine the institution’s direction. Contributors and proponents included, among others, Nikolaus Schafhausen, Heinrich Dunst, Barbara Steiner, Martin Fritz, and Marcelo Rezende.

(4) As part of the series on performative forms of action, *In-Formation* (2012–2014), at the Künstlerhaus Wien, invited guests explored the intersections of speech acts, movement, and notation. Selected participants included, among others, Friedl Kubelka, Matt Mullican, Michael Riedel, Matthias Ulrich, Lilo Nein, Ricardo Basbaum, and the Class for Performative Art at the Academy of Fine Arts Vienna, led by Carola Dertnig.