Christian Helbock

BILLBOARD, 2009

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BILLBOARD, 2009, Wettbewerbsentwurf für einen Bauzaun um den Neubau des Vorarlberger Landesmuseums

 

 

 

DER ZAUN ALS INTERFACE (1)

 

Die Grundidee des Projekts ist die Vermittlung. Ort der Vermittlung

sind 3 Plakatwände, die am Bauzaun befestigt sind, und das Internet.

Die Plakate wechseln alle drei Monate. Die Plakatwände, als Schnittstelle

zwischen Baustelle und Ã¶ffentlichem Stadtraum, verstehen sich als virtuelle Fenster,

die innerbetriebliche Prozesse des Musealen, des Architektonischen abzubilden 

vermögen. Museal (2) meint hier den gesamten Komplex, der sich auf die Institution 

Museum bezieht (Selbstverständnis, Auftrag, Forschung, Ausstellungswesen, 

Sammeln, Ã–ffentlichkeitsarbeit, Vermittlung).

 

(1) Die Schnittstelle oder das Interface (englisch Grenzfläche) ist der Teil eines 

Systems, der der Kommunikation dient. Wenn man einen Teil der Realität

als Ganzes betrachtet, das es zu analysieren und aufzugliedern gilt, so wird man 

das Ganze, also das Gesamtsystem in kommunizierende Teilsysteme zerschneiden 

jene Stellen der Teilsysteme, die als Berührungspunkte oder Ansatzpunkte fungieren,

über welche die Kommunikation stattfindet, stellen dann die Schnittstellen dar. 

Unter Verwendung dieser Schnittstellen kann man die Teilsysteme  wieder zu einem größeren

System zusammensetzen. http://de.wikipedia.org/wiki/Interface 

 

(2) Der Begriff trifft sich mit der Definition wie ihn das International Council

of Museums einführt: Ein Museum ist eine gemeinnützige, ständige, der Öffentlichkeit 

zugängliche Einrichtung im Dienst der Gesellschaft und ihrer Entwicklung,

die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse

von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht 

und ausstellt. http://de.wikipedia.org/wiki/Museum 

 

 

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 BILLBOARD, 2009, Wettbewerbsentwurf (Detail) 

 

 

Während der gesamten Umbauphase von 2 Jahren werden die beiden Bereiche 

hinsichtlich ihrer Möglichkeiten (d.h. Sammlung, Raumangebote, Ausstellungsdisplays)

untersucht und diese exemplarisch thematisiert. Die Recherche wird neben

der Sammlung etwa Bibliothek, Archiv, Mitarbeiter des VLM, Stadtarchiv,

Landesbibliothek, Architekturbüro einbeziehen. Mittels Video-Interviews und 

Recherche-Tätigkeit werden so Materialien gesammelt, auf deren Grundlage

die künstlerischen Gestaltung erfolgt. 

 

Ausgrabungen und archäologische Funde werden mit Werken der zeitgenössischen

Kunst (Ankäufe des Landes) eine Fusion eingehen, Seeblicke  nicht nur ein

architektonisches Thema  werden mit Einblicken in Baugruben (Aspekte der jeweiligen

Bautätigkeit) kontrastieren. Das Internet bietet eine Plattform, die verschiedenen

Medien  Bild, Foto, Video, Zeichnung, Skizze, Modell, Skulptur und Text  in ihrer 

Vielfalt auf einer Website zu versammeln. Der Zaun, als Ort der Unterscheidung

und des Ãœbergangs, trennt zwei Seiten voneinander, als Zeitgrenze trennt er Altes

von Neuem und schafft eine Zäsur zwischen Spezialisten und der Allgemeinheit. (3)  

Diese Leerstelle kenntlich zu machen  mittels Bildkörper und Textmontagen zu extrapolieren 

ist ein Aspekt des Projekts. 

 

 

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(3) Eine Museumsbesucherin. Dahinter ein Gegenstand der Geschichte: 

Laokoon im Kampf um seine Söhne, seine Zukunft. 

 

 

Der Zaun zieht eine Grenzlinie zwischen Innen und Aussen, definiert damit vorne

und hinten bzw. intern und extern. Es ist demnach folgerichtig den Bauzaun als Träger

(Hintergrund) einer Plakatserie zu nehmen, welche Hintergrund-Information

(eine nicht-externe Form des Wissens) blitzlichtartig exponiert und so aus dem 

institutionellen Depot hervorholt. (4) Der Zaun ist ein potentieller Ort des Dialoges,

eines vielstimmigen, bilderreichen Diskurses zwischen diversen Bereichen: 

dem Museum, der Architektur, der Bautätigkeit, der Politik (im Sinne einer Öffentlichkeit). 

Eine Ã¶ffentliche Baustelle (5) kann dadurch zu einer Baustelle von Ã–ffentlichkeit werden, 

einer Verkehrsfläche für einen grossen Teil der Bevölkerung.

 

(4) Ziel eines Museums ist es,Gegenstände, Musealien aus zumeist

vergangenen Zeiten zu einem bestimmten Thema fachgerecht und dauerhaft

aufzubewahren und den Besuchern zugänglich zu machen. Erst hierdurch 

werden aus Deponaten Exponate. Dies geschieht in Dauer- und Wechselausstellungen; 

Bestände, die man aus Platzmangel nicht ständig zeigen kann (Deponate), werden im

Depot verwahrt. http://de.wikipedia.org/wiki/Museum 

 

 

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(5) Potsdamer Platz, Berlin 2006: Eine Ã¶ffentliche Bausstelle.

Hier wird gerade deutsche Geschichte umgebaut.  


 

Der vorbeipromenierende Fussgänger als Zaungast eines sich nicht selbst 

vermittelnden Prozesses. Die Ikonografie einer Plakatwand macht aufgrund 

ihrer künstlerischen Ausdrucksformen (Montage, Fotogramm, etc.) unterschiedliche

Aspekte des Untersuchungsgegenstands sichtbar. Die Plakatwand ist eine bildhafte,

zeitgenössische Form der Wandzeitung. Eine Zeitung nicht nur im aktuellen, tagespolitischen

Sinn regionaler Nachrichten; sie trägt das Kleid einer historischen Revue, vernäht

zum vielschichtigen Gewebe, zur Pathosformel verdichtet: einem tableau publique

 

Eine mediale Erweiterung erfährt das Projekt, wenn das Plakat in regelmässigen Abständen

etwa vierteljährig auf das Zeitungsformat übertragen und als Beilage in einer regionalen

Zeitung veröffentlicht wird. Auf der gesamten Länge des Bauzauns (230 m) sollen lediglich

3 Plakatwände von etwa 2 x 8 m angebracht werden. Die Plakatserien beanspruchen also

eine geringen Teil der Gesamtfläche, sind zudem selbst offen für eine Kooperation

mit anderen KünstlerInnen. Die unterschiedlichen Zonen Texte, Bilder, Fotos, Zeichnungen

bilden eine einheitliche Struktur, die einzelnen Partikel sind aber gleichzeitig autonom 

und können als Information (6) für sich gelesen werden. Historisches, Gegenwärtiges

und Zukünftiges stehen gleichwertig nebeneinander (7), Museales und Architektonisches

ergänzt sich, Modell und Skulptur begegnen sich in neuen Dimensionen.

 

(6) (Systeme der) Information (In-Formation) bestehen in der Mitte zwischen Material

und Konzept, ohne eines der beiden ganz zu sein. (Dan Graham) 

 

 

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(7) Eine Museumsbesucherin. In Rosselinis Film Viaggio in Italia erblickt

Ingrid Bergman Geschichte. Es ist der Blick einer Suchenden. Ein Blick aus der Zukunft. 

 

(Christian Helbock,  August 2009)