Christian Helbock

PLAY ESGE, 2001

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play ESGE, Künstlerbuch, 24 x 18 cm, 72 Seiten, Triton-Verlag, Wien, 2001
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Einige Belgier laden ihre bamix-Utensilien ins Auto und stellen an der Messe in
Stockholm aus

 

Wir sind mit den Dingen verstrickt. Verwoben zu vielfältigen Handlungsmustern. Von der Aussenstelle unseres Arbeitsplatzes bis zur Privatsphäre des Wohnzimmers bleiben wir mit ihnen mixed up, sozusagen ständig verwickelt. Wir verwenden Maschinen als Werkzeuge, doch erst im rechten Umgang mit ihnen erzeugt sich ihr Werk. So selbst zum Werkzeug ihrer Verwendbarkeit geworden, verspannt sich unser Verhältnis, schon beim Lesen einer Betriebsanleitung, meist nachhaltig. Zwischen Gebrauchsanweisung und Gebrauch verliert sich so manches Subjekt.

 

Die Handlungen als Handelsvertreter und Künstler zu verbinden: to mix work and pleasure, so entstand SG 96/4, was ich damals die Installation der Reproduktionssphäre in meine artistische Produktion nannte. 24 Mixer der Firma ESGE führten an der Decke, frei an ihren Kabeln zappelnd, ein ballet mechanique auf. Abstrakte Choreographie und technoide Musik hatten dieselbe Quelle, die Eigenbewegung der Elektromotoren. (Später erfuhr ich, dass der seit 1955 gebräuchliche Name bamix eine Zusammensetzung aus balletteuse mixer war, also: der Ballett-tanzende-Mixer). Work and pleasure, Arbeit und Vergnügen, aufgehoben in schwerelosen Drehungen, verdichtet in der einen synästhetischen Pirouette? Zumindest vermixt.

 

In play time hat Jacques Tati die Arbeit an der Wahrnehmung derart ins filmische Spiel gebracht, und mithin seine ökonomische Basis beinahe aufs Spiel gesetzt, dass sie im folgenden als Modell funktionieren soll. Arbeitszeit und Spielzeit ineinander vermengt,
work time als play time remixed, das ist die hypothetische Voraussetzung, die Aufforderung hierfür lautet: play ESGE.

 

Es ist eine Haushaltsmesse, in der die Welt als Spielzeugwelt und die nachindustrielle Zeit als Spielzeit ganz zu sich kommt. Was play time uns in dieser Szene in überdeutlichen Metaphern vorführt, sind nichts anderes als kleine Mysterien der Moderne: Die Brille, die es der Frau erlaubt, Wimperntusche aufzutragen, ohne dass man sie abzunehmen braucht. Ausblick auf herrliche Zeiten? Selbst der gewöhnliche Besen wird evolutionsfähig. Integrierte und batteriebetriebene Scheinwerfer forschen den Schmutz selbst in den finstersten Ecken und hintersten Winkeln aus. Das Praktische leuchtet ein und augenblicklich sind wir verführt. Wenn nicht zum Kauf, so doch dazu, darüber zu lachen.

 

"Ich hab' dann gleich 1957 mit Unterstützung meiner Mutter mein erstes gebrauchtes Auto gekauft und dann ist's losgegangen", sagt Constantin von Zechany, der handelsreisende bamix-Vertreter. Mobilität und Warenhandel bedingen sich, das Eine beschleunigt das Andere, das Warenkarussell beginnt sich zu drehen, die Waren verlangen ihren raschen Vertrieb. Wo Verkehr ist, ist also Handel. Und dort wo der Handel verkehrt, da ist die Messe.

 

Dorthin will denn auch Tati gelangen, nachdem er play time hinter sich gelassen hat. Trafic ist ein roadmovie, der vom Transfer eines Autos von Frankreich nach Holland handelt. Es soll auf der Automobilmesse Amsterdam ausgestellt werden, wo es letztendlich auch ankommt. Doch zu spät, die Messe wurde eben geschlossen. Die Doppeldeutigkeit, die dem Filmtitel zugrunde liegt, erschliesst denn die Pole unseres Universums: der Verkehr treibt dem Handel zu. Selbst wenn der Händler manches verkehrt macht. Das Geschäft geht sich gerade noch aus. In trafic wird über das System Auto, ähnlich wie es in play time anhand von Brillen und Besen geschieht, spielerisch verhandelt. Als Spielzeug wird es gewendet und gedreht, zerschnitten und neu zusammengesetzt. Als hätten wir es mit einem Mix zu tun oder einem Mixer, der rührt, lockert, zerschneidet, zerkleinert, püriert? Als hätten wir es mit etwas zu tun, das passiert, schlägt, quirlt, hackt, mixt und mahlt. Einem System Mixer etwa, dem play ESGE, einer Art Zauber-Stab oder auch Zauber-Formel.

 

(Christian Helbock, 2001)

 

 


Ein am Messestand passiertes Video

 

Die Vorgeschichte ist folgende: ein Mann mit Bypass hat bei einer Messe anstelle seiner Frau seine Videokamera bei sich. In dieser nur vorläufig gedachten Ersetzung, in der Eins nur vorübergehend fürs Andre steht, sollte die Frau alles, was der laufenden Kamera vom Geschehen vorgeführt wird, ein wenig später, wenn es bereits passé ist, zu Gesicht bekommen. Damit sie in ihrer Abwesenheit nichts vom Messegeschehen verpasst, lenkt er ihre durch das Objektiv vertretene Aufmerksamkeit - hier und da mit Tele unterstützt - auf die vorbildliche Vorführung der Gerätschaften. Aufregung und Andrang um das Zeremoniell, der schwerlich haltbare Stand eines Besuchers vis à vis dem Messestand, all das übersetzt sich in den Blickpunkt der Bilder - teilweise zitternd oder in augenfälligen Wacklern, unruhig und suchend besonders dann, wenn es um nicht leicht auszumachende Anfragen aus dem Kreis der Umstehenden geht. Passt irgend ein Passant (eine Passantin?) nicht auf, oder verpasst ihm (eine) gar eine (oder er sie, sie ihn?) so bleibt er doch standhaft, so gut es eben geht.

 

Was aber beim Wechsel aller Standpunkte die für den Hausgebrauch durchaus passable Form der Abbildung durcheinanderbringen und sprengen könnte, die Passage von einem zum andern Ereignis, wird nicht durchgängig aufgenommen, sondern nur ab und zu, beiläufig und nur en passant signalisiert: durch einen augenblicklich ansetzenden und auf nichts weiter hinauslaufenden Schwenk, durch einen im Grossen und Ganzen kurz abschweifenden und nicht weiter irritierenden Passus.

 

Dieser Mann, ein durch und durch passionierter Amateur, der sich unterderhand in sein Medium verwandelt, nimmt an der Vermischung verschiedener Bestimmungen keinen Anstoss. So scheut er auch vor dem circulus vitiosus nicht zurück, der sich im Zauberstab manifestiert - einem Haushaltsgerät, das mit seinen rotierenden und auswechselbaren Einsätzen messerscharf an die Zerstückelungslust angepaßt ist; an die Lust, die der Zauberstab dem in ein Passivum verwandelten Haushaltsgeschlecht in Haushaltsbehälter umzulenken verspricht und auf verschiedene Konsistenzen abzulenken verspricht, indem er Verschiedenes gleichmacht, Flüssiges verfestigt und Festes verflüssigt. An sich hat er (oder sie) ein solches Ding bereits, doch die Bedienung geht nicht immer Hand in Hand mit der Beherrschung. Darum der ausgiebige Aufenthalt vor dem Stand mit der Aufschrift Zauberstab, an dem exemplarisch gerührt, gelockert, zerkleinert, püriert wird und zerschnitten, geschlagen, gequirlt, gehackt, gemixt und all das wird, was in seinen Augen ihren Augen erst ein wenig später vom Zauberstab zu Gesicht gebracht und von da aus wieder zurück oder direkt in die beispielhafte Handhabung der verkleideten Vorführerin gelenkt werden hätte sollen.

 

Die Bilder, sie so am Stand entstehen, fallen indessen einem Andern zu: das ist die nachfolgende Geschichte. Ein anderer, neben der Vorführerin stehender und sie mitunter ablösender Mann meldet aus dem Stand selbst sein Interesse als Handelsvertreter an den Bildern an, in denen er zunächst nur als äusserste Randfigur, ja als Passepartout aufgetreten ist. Und der andere Mann wiederum fällt aus seiner Geschichte heraus, indem er im entscheidenden Zug passt und sie jenem zuspielt, der die Bilder selbst zum Stehen bringt, und zwar nicht anders, als sie am Messestand selbst passiert sind.

 

(Gerhard Spring, 2001)



 


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